"Nein!" schrie Emily und sank neben Jack auf die Knie. Die Männer starrten wie gelähmt auf ihren Captain, der neben Emily auf dem Boden lag. Sein Hemd färbte sich unterhalb der Schulter rot. Emily nahm seinen Kopf in die Hände. "Jack", flüsterte sie. "Jack, verlasse mich nicht!" Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Jack durfte nicht sterben. Das durfte nicht geschehen. Emilys Herz durchfuhr ein jäher Schmerz . . .
Pete kniete sich jetzt ebenfalls neben Jack und nahm seine Hand. "Er lebt noch!" rief er, "schnell, wir müssen ihm helfen!" Vorsichtig umfassten Pete und Gort den verletzten Jack, hoben ihn hoch und trugen ihn unter Deck. Dort öffneten sie sein blutiges Hemd und wuschen seine Wunde. Es schien nur ein Streifschuss zu sein. Die Kugel steckte nicht in der Wunde wie es schien. Aber Jack hatte viel Blut verloren. Emily lehnte teilnahmslos am Türpfosten von Jacks Kajüte. Ihr Gesicht war tränenverschmiert. Pete sah sie liebevoll an. "Er scheint Glück zu haben. Vielleicht kommt er durch. Wir müssen so schnell wie möglich nach Tortuga, er braucht Ruhe und ein ordentliches Bett." "Tortuga, in Ordnung!" Emily rannte an Deck und Barbossa den neuen Kurs mitzuteilen. Sie mochte Tortuga nicht. Aber sie wäre in diesem Moment bis ans Ende der Welt gefahren.
Die Männer an Deck sahen Emily mit bangen Augen an. Was war mit Jack? Aber Emily hatte keine Zeit für Antworten. Wo war Barbossa? Schließlich fand sie ihn am Heck der Pearl. "Barbossa", rief sie. "Ihr müsst das Steuer übernehmen! Wir müssen nach Tortuga, so schnell wie möglich!" "So müssen wir das!" Barbossa sah sie an. "Was ist mein Lohn dafür?" "Was verlangt Ihr?" fragte Emily voll Angst. Er konnte sie doch jetzt nicht im Stich lassen. Nicht all dem, was sie durchgemacht hatten. "Jack hat etwas in seinem Mantel. Bringt es mir! Dann bringe ich Euch nach Tortuga!" Barbossa trat ans Steuer und stieß Jim unsanft beiseite. "Setzt die Segel", rief er den Männern zu. "Tortuga ist das Ziel!"
Emily betrat leise Jacks Kajüte. Jack lag mit geschlossenen Augen da, auf seiner Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet. Er fieberte hoch, Pete hatte soeben die Kajüte verlassen, um neues Wasser zu holen. Emily sah sich um. Wo war Jacks Mantel? Und was war es, was Barbossa wollte? Schließlich fand sie ihn, durchsuchte ihn fieberhaft. Da fiel ihr ein Pergament in die Hände, eine Karte, wie es schien. 'Eine Schatzkarte', durchfuhr es Emily. Barbossa war wirklich gerissen. Aber wenn es Jacks Leben rettete, dann war es gut.
Die Pearl fuhr sicher durch die Dunkelheit, Barbossa war ein erfahrener Kapitän. Emily saß an Jacks Lager, kühlte seine Stirn und wich nicht von seiner Seite. Alles schien gut zu werden. Doch gegen Mittag verdunkelte sich der Himmel. Die Pearl musste ihre Fahrt verlangsamen. Emily lief an Deck. Was war denn los? Am Horizont türmten sich hohe Wolken auf, in das Rauschen der Wellen mischte sich ein beängstigendes Donnergrollen. Der auffrischende Wind zerrte an Emilys Haaren. "Bitte nicht!", flüsterte Emily mit bebenden Lippen. Da durchbrach ein grellweißer Blitz die schwarze Wolkendecke. Die Wellen schlugen hoch, fast bis an Deck. Der Wind wurde zum Sturm . . .
"Holt die Segel ein", schrie Barbossa. Die Pearl wurde vom Sturm erfasst und hin und her geworfen. Emily hielt es nicht tatenlos an Deck. Sie kletterte auf den Mast, zusammen mit Pete. Der Sturm war inzwischen so heftig, dass man sich kaum auf den Beinen halten konnte. Krampfhaft klammerte sie sich am Mast fest. Ihr Haar schlug ihr nass ins Gesicht. Pete schaute Emily bewundernd an. Was für ein tapferes Mädchen. Nachdem die Segel versorgt waren half Emily beim Sichern der Ladung. Ihre nassen Finger bluteten. Emily beachtete es nicht.
Unaufhörlich zuckten Blitze durch die Finsternis, der Donner, der darauf folgte, ließ das Holz der Planken unter Emilys Füßen erzittern. Sie krallte sich an der Railing fest um nicht über Bord geweht zu werden. Würde die Pearl diesen Naturgewalten stand halten können? Das Schiff geriet gefährlich in Schräglage . . .
Da durchzuckte es Emily in jähem Schmerz. Jack! Wie ging es ihm? Sie hatte noch nicht einmal Luft holen können, seit sie in den Sturm geraten waren. Emily lies die Railing los und versuchte in Richtung Treppe zu gelangen. Der Sturm ließ sie kaum einen Schritt voran kommen. Der Regen peitschte ihr hart ins Gesicht. Der Weg unter Deck schien endlos. Emily war nass bis auf die Haut. Sie hatte kaum noch Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Da packten sie starke Arme und schoben sie in Richtung Treppe. "Los, hinein mit dir!" rief Pete, das steife 'Sie' außer Acht lassend. Emily sah ihn dankbar an. "Danke", flüsterte sie. Dann rannte sie die Treppe hinab.
Jack ging es nicht gut. Das Fieber schien wieder gestiegen zu sein, er warf sich unruhig hin und her. Emily versuchte ihn vergeblich festzuhalten. Das Schiff schwankte. In der Kajüte war es so dunkel, dass man fast nichts sah. Nur die grellen Blitze erhellten für Sekunden die Finsternis, gespenstisch, unheimlich. Hohe Wellen schlugen gegen das Fenster. Emily legte ein frisches kaltes Tuch auf Jacks Stirn. Dabei musste sie sich festhalten, der Sturm warf die Pearl hin und her wie ein Spielzeug. Das kalte Tuch beruhigte Jack etwas. Das Verband über der Wunde hatte sich erneut rot gefärbt. Emily ergriff Jacks heiße, fiebrige Hand, die schlaff auf der Decke ruhte. Weiter konnte sie nichts tun. Tränen liefen ihr über die Wangen. Würde es so enden?
Der Sturm hielt den ganzen Abend an. Die Crew hatte alle Hände voll zu tun um die Pearl vor dem Kentern zu bewahren. Barbossa wuchs über sich hinaus. Emily wich nicht von Jacks Seite. Erst als die Dunkelheit hereinbrach, ließ das Unwetter nach. Die Pearl konnte ihre Fahrt fortsetzten. Das Schicksal war noch einmal an ihnen vorbeigegangen . . .
Im Morgengrauen lief Emily an Deck. Am Heck stand sie, auf ihre Arme gestützt, und atmete tief ein. Die morgendliche Frische tat ihr gut, kühlte ihre brennendes Gesicht. Die aufgehende Sonne blendete sie. Ihr Herz machte einen Sprung. Der rote Schein am Horizont beschien warm die Ausläufer von Tortuga . . .
Die Pearl hatte in Tortuga angelegt. Jack glühte im Fieber. Gort und Pete hatten ihn von Bord getragen. Emily hatte mit viel Mühe ein halbwegs sauberes Lokal ausfindig gemacht, dessen Wirt nach einigem murren ein paar seiner kargen Zimmer an eine Bande Piraten vermietet hatte. Er hatte nicht nachgefragt, genaueres wollte er wohl nicht wissen. Sie würden sicher einige Zeit in Tortuga bleiben müssen. Emily versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen. Pete und der Rest der Crew hatten ihr angeboten, sie einem britschen Handelsschiff zu übergeben, dass die nach Port Kings bringen konnte. Aber Emily hatte zu ihrem eigenen Erstaunen abgelehnt. Sie konnte jetzt nicht einfach so gehen. Ihr altes Leben schien ihr so weit weg, so unwirklich. Eine kleine Weile noch, bis es Jack besser ging. Dann konnte sie ruhigen Gewissens nach Port Kings fahren.
Emily trat vor die Tür ihrer Herberge und überlegte, welchen Weg sie nehmen sollte. Eine Woche waren sie jetzt schon in Tortuga. Jack lag nach wie vor im Fieber ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Sie brauchte dringend neue Medizin. Die gab es bei einer alten Frau, die abseits des Hafenviertels wohnte. Sollte sie den Weg am Hafen entlang wählen? Der war meistens überfüllt von neu ankommenden Seeleuten, die sie anstarrten und belästigten. Oder sollte sie den Weg durch das unheimliche Viertel, ihre unmittelbare Nachbarschaft wählen? Auch dort wurde sie beobachtet und angestarrt, allerdings nicht so offensichtlich wie am Hafen, sondern hinter Fensterläden und Vorhängen. Oft mochte es wohl nicht vorkommen, dass man ein so ehrenhaftes Mädchen in Tortuga zu Gesicht bekam. Allerdings war dieser Weg auch einsamer.
Sie entschied sich für den Hafenweg. Er war wie immer übervoll. Seeleute, meistens Piraten, das sah Emily auf den ersten Blick, verließen ihre Schiffe und luden ihre Fracht ab. Das meiste war sicher gestohlen. Vogelkäfige, Stoffe, Fässer . . . eine bunte Mischung. Grimmige Gestalten mischten sich mit exotischen Erscheinungen. Emily musste ordentlich ihre Ellenbogen gebrauchen, um sich durch die Menschenmassen zu kämpfen. Als sie auf den Rückweg den selben Weg passierte, dämmerte es bereits. Jetzt musste sie sich beeilen, in der Dunkelheit war sie hier nicht mehr sicher. Emily umklammerte fest die kleine Flasche in ihrer Hand, dann lief sie schnurstracks in Richtung Herberge.
Da klang plötzlich in mitten des lauten Menschenauflaufs eine vertraute Stimme an ihr Ohr. Irrte sie sich oder rief da tatsächlich jemand ihren Namen? Nur weiter, nicht aufhalten lassen. Da griffen plötzlich zwei Hände nach ihr und hielten sie fest. Emily drehte sich wütend um. Und blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr stand ein Soldat der königlichen Marine. "Mr. Edwardson", machte sie ihrer Überraschung Luft. Was macht Ihr denn hier?" "Wir sind auf der Suche nach Euch!" antwortete der Soldat. "Euer Vater wird froh sein, Euch so gesund und munter wiederzusehen!" "Emily!" Lord James kam auf seine Tochter zugelaufen und schob den Soldaten unsanft bei Seite. "Vater!" Emily konnte es kaum glauben. Sie hing am Hals des Mannes, der immer ihr Vater gewesen war und weinte. Alle Anspannung der letzten Wochen löste sich in diesem Augenblick. "Mein Kind", antwortete Lord James weich, "das ich dich lebend wiederhabe! Du kommst augenblicklich mit auf die Lady Catherine, morgen früh legen wir ab!" Er nahm Emily bei der Hand und zog sie mit sich fort.
Emily stolperte vorwärts. In ihrer Linken spürte sie hart und kalt das Medizinfläschchen für Jack. Aber wenn sie jetzt sagte, dass sie zu Jack musste, würde ihr Vater wohl kaum damit einverstanden sein. Jack war der Pirat, der sie hatte entführen lassen. Sie mochte lieber nicht darüber nachdenken, was für ein Schicksal ihn und die Crew der Pearl erwartete. Emily seufzte und ließ sich teilnahmslos vorwärts ziehen. Da sah sie schon den hohen Mast der Catherine im Hafen aufragen. War das nicht die Erfüllung all ihrer Träume, auf die sie seit ihrer Entführung durch die Piraten gehofft hatte?
Emily saß in ihrer vornehm eingerichteten Kajüte und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. So richtig dunkel wurde es in Tortuga wohl nie, viele Lichter erhellten sie karibische Nacht. Sie trug wieder eines ihrer Kleider, ähnelte äußerlich der Emily von früher. Aber war sie das wirklich noch? Emily biss sich auf die Lippen. Ihr Blick fiel auf das Medizinfläschchen auf dem Tisch. Jack brauchte es. Sie musste es ihm bringen, ehe sie ablegten. Sie konnte nicht einfach so verschwinden, ohne sich zu verabschieden, ohne den anderen Bescheid zu sagen. Sie würden sie suchen. Sich sorgen. Dessen war sich Emily sicher. Sie dachte an Pete, an Gort, an Matthew und den Rest der Crew. Sie konnte sie doch nicht einfach so im Stich lassen, ohne ein Wort. Sie würden alles für sie tun, das wußte sie jetzt. Und auch sie würde für die Crew die Hand ins Feuer legen. Wenigstens ein Lebewohl war sie ihnen schuldig.
Entschlossen erhob sie sich und schlich zur Tür. Keiner sah sie, als sie über das Deck lief, das Schiff verließ und in der Dunkelheit verschwand. Es würde nicht lange dauern. Sie wollte nur die Medizin bringen und sich verabschieden. Dann würde sie zurückkehren. Zum Schiff, zu ihrem Vater, nach Port Kings. Und dies hier alles würde nur noch eine Erinnerung sein, ein längst vergangenes Abenteuer. Emily krampfte die Hand über dem Fläschchen zusammen. Seltsamer Weise machte sie der Gedanke nicht froh.
Atemlos rannte sie die Treppe hinauf, riss die Tür auf und stürzte in Jacks Kammer. Pete war da. Er sah sie überrascht an. "Hier ist die Medizin", keuchte sie und hielt ihm die Flasche entgegen. Wortlos nahm er sie an sich und flößte sie dem fiebernden Jack ein. Emily stand unschlüssig an der Tür. Sie vermied es, den verletzten Jack anzusehen. Denn sie wußte, dass sie es dann niemals fertig bringen würde, zu gehen. Pete sagte kein Wort. Geschäftig wechselte er das nasse Tuch auf Jacks Stirn.
"Ich bin gekommen um Lebewohl zu sagen!" flüsterte Emily. "Mein Vater ist nach Tortuga gekommen. Wir legen morgen ab. Ich wollte nur noch schnell die Medizin bringen." Pete wandte sich um. Er sah sie traurig an. "Ich wußte, dass es eines Tages so kommen würde!" antwortete er nach einer Weile. "Ich wünsche dir alles Gute, Emily. Aber eines sollst du wissen: du bist ein guter Pirat! Wir werden dich nie vergessen!" Er lächelte. Emily lächelte krampfhaft zurück. Das Lachen tat weh. Nur mühsam konnte sie die Tränen zurückhalten die in ihren Augen brannten. Da sank sie neben Pete auf die Knie und schlang die Arme um seinen Hals. Die mühsam zurückgehaltenen Tränen brachen nun ungestüm hervor. Pete war überrascht von Emilys Gefühlsausbruch. Unbeholfen strich er ihr übers Haar. "Ich werde euch alle auch nie vergessen", schluchzte Emily. Dann sprang sie auf und rannte hinaus ohne sich noch einmal umzusehen.
Verzweifelt irrte Emily durch die lärmerfüllten Straßen Tortugas. Sie musste zum Schiff zurück, dort war ihr Fehlen sicher schon bemerkt worden. Aber war es das, was sie wirklich wollte? Ihr Herz sagte ihr etwas anderes. Sie hatte sich noch nie so wohl gefühlt wie auf der Pearl. Das war die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen. Emily hatte lange gebraucht, um sich dies einzugestehen. Aber die Crew war ihr zur Familie geworden. Zu Freunden. Und Jack. Er brauchte sie doch. Jetzt, wo es ihm so schlecht ging. Er hatte sie schon so oft gerettet. Es war nur fair, dass sie jetzt das selbe für ihn tat. Das war sie ihm schuldig. Sie konnte ihn nicht im Stich lassen. Emily kämpfte den schwersten Kampf ihres Lebens . . .
Als Emily schließlich die Catherine erreichte glühte ihr Gesicht, leuchteten ihre Augen. Ihr Herz hatte eine Entscheidung getroffen. Lord James stand besorgt an der Railing, war eben im Begriff einen Suchtrupp auszusenden. Ein ungutes Gefühl hatte ihn beschlichen als er Emilys Fehlen bemerkt hatte. Da sah er Emilys Umrisse aus der Dunkelheit auftauchen. Sie würden reden müssen. Es würde nicht leicht werden, dessen war sich Emily sicher. Würde ihr Vater sie verstehen? Wohl kaum. Sie verstand sich ja selber nicht einmal. Aber ihr Herz sagte ihr, dass es nur diesen einen Weg gab. Und dass sie diesen Weg gehen musste.
Lord James saß mit seiner Tochter in seiner Kajüte. Schwach drang der Lärm Tortugas durch das halb geöffnete Fenster. Sie sahen sich schweigend an. In seinem Innersten fühlte der Gouverneur, dass sich seine Tochter von ihm löste. Er schluckte. "Wirst du morgen mit uns kommen?" frage er schließlich. Sein Blick hing bang an ihren Lippen. Emily senkte den Blick. Dann schüttelte sie fast unmerklich den Kopf. "Ich dachte es mir!" antwortete Lord James. "Aber warum?" Er sah sie fragend an. "Was hält dich hier? Eine Piratencrew? Die dich entführt hat?" Emily hob den Kopf. In ihren Augen standen Tränen. "Du warst immer für mich da", antwortete sie. "Auch wenn du nicht mein Vater bist. Das weiß ich jetzt." "Ich hätte es es dir schon eher sagen müssen", entgegnete er schuldbewusst. "Es tut mir leid!" Emily sah ihn warm an. "Aber für mich wirst du es immer sein. Ich werde dich immer lieben." Sie griff nach seiner Hand. "Aber ich gehöre hier her." Sie holte tief Luft. "Der Captain," fuhr sie fort, "er ist verletzt. Er braucht mich. Er hat sein Leben für mich eingesetzt. Ich kann ihn jetzt nicht verlassen." Sie schwieg. "Er ist ein Pirat", antwortete Lord James ungläubig. "Für ihn willst du alles aufgeben? Ich verstehe dich nicht! In Port Kings wird es dir doch an nichts fehlen. Ich kann dich nicht zwingen, mit mir zurück zu kommen. Aber mein Verstand verbietet es mir, dich hier zu lassen!"
Emily fiel ihrem Vater um den Hals. Sie weinte. "Verzeih mir", flüsterte sie. "Ich kann nicht anders!" Lord James sah sie schweigend an. "Ist er es wert?" fragte er schließlich. "Ich weiß es nicht", antwortete Emily leise.
Emily stand am Großmast der Pearl und schaute gedankenverloren aufs Meer hinaus. Hinter ihr tobte das Leben von Tortuga, dem Hafenort, in dem die Pearl zum wiederholten Male ankerte. Stimmen schwirrten durcheinander, Bierkrüge schepperten, Piratenlieder klangen durch den Abend . . .
Emily seufzte. Wer sie von früher kannte würde sie wohl kaum wiedererkannt haben. Ihre langen Haare waren zu einem Zopf geflochten, statt eines Kleides trug sie Hosen und ein weißes blusenartiges Hemd, ihre Füße steckten in derben Stiefeln. Um ihre Taille war ein Schwert gegürtet. Es schien nichts mehr übrig von der Gouverneurstochter von einst. So war es, das Piratenleben. Lange Zeit war man auf See, blickte stets der Gefahr ins Auge, die von vielen Seiten drohte. Andere Piratenschiffe griffen an, den Naturgewalten war man schutzlos ausgeliefert, und irgendwie war man ständig auf der Suche nach einem Schatz . . . Und dann war noch die East India Trading Company, die sich als oberstes Ziel gesetzt hatte, die Piraterie in der Karibik auszurotten . . . Und doch hatte sie sich für dieses Leben entschieden. Denn dieses Leben bedeutete auch Freiheit. Wenn man früh aufstand wußte man nicht, was einen erwartete. Man war frei, zu tun, was man wollte, frei von allen standesgemäßen Zwängen. Aber war es wirklich die richtige Entscheidung gewesen?
Wie anders hatte sie sich ihr Leben in der Karibik vorgestellt, als die vor ungefähr einem Jahr von England hier her gekommen war. Sie hätte hier das Leben einer Adeligen führen sollen, ein Leben im Fort von Port Kings, mit Gesellschaften und Kaffeekränzchen. Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, wäre sie damals nicht von den Piraten entführt worden. Wahrscheinlich hätte sie einen Comodore geheiratet, eine Familie gegründet. Aber sie war geblieben, auch als ihr angeboten wurde zu gehen. Sie hatte Lord James allein nach Port Kings segeln lassen, hatte alles aufgegeben. Sie hatte Jack gesundgepflegt, hatte ihre Pflicht ihm gegenüber erfüllt. Das war eine schwere Zeit gewesen. In dieser Zeit waren sie sich nahe gewesen, er, der Verwundete und sie, seine Pflegerin. Als es ihm wieder besser ging hatte er bemerkt, dass die Karte fehlte, die Schatzkarte von Iron Chain. Sie hatten sich auf die Suche nach Barbossa gemacht. Und Jack war wieder der Pirat wie einst. Und Emily war ein Teil seiner Crew. Nichts hatte sich geändert. Trotzdem würde sie diesen Weg jederzeit wieder wählen.
Denn da war noch etwas, etwas, was sie sich nicht eingestehen wollte, weil es ihr weh tat. Der Horizont färbte sich golden. Bald würde es dunkel sein. Die gesamte Crew war an Land. Nur sie und Black Eye waren an Bord geblieben. Jemand musste ja das Schiff bewachen. Auch Jack war im Gewühl von Tortugas Piratenmeute verschwunden. Sie hatte ihm nachgestarrt, bis ihr die Augen schmerzten und sie ihn nicht mehr in der Masse ausmachen konnte. Sicherlich hatte er schon wieder ordentlich dem Rum zugesprochen und würde spätestens in einer Stunde in Begleitung mehrerer zweifelhafter Damen aus dem Lokal verschwinden.
Emilys Herz wurde schwer. Trotzig presste sie die Lippen aufeinander bis nichts als ein blutleerer Strich übrig blieb. Ihre Finger krallten sich in den Saum ihres Hemdes. Sie hatte sich verzweifelt gewehrt aber sie hatte verloren. Gegen ihr Herz. Gegen sich selbst. Sie liebte ihn, diesen verrückten Piraten-Capitain mit dem großen Herzen. Er war der Hauptgrund, warum sie auf der Black Pearl geblieben war, warum sie sich für dieses Leben entschieden hatte. Aber sie kannte ihn doch, sie wußte, wie er war. Das er nichts ernst nahm, und das man nie wußte, was man ihm glauben konnte. Liebte er sie auch? Manchmal hatte sie das Gefühl gehabt, dass er ihre Gefühle erwiderte. In den Momenten in denen er ungewöhnlich ernst war; wenn er um sie besorgt war; wenn sie bis morgens an der Railing gestanden hatten, manchmal redend, manchmal schweigend . . . In vielen Situationen hatte sie das Gefühl gehabt, sie könnte ihn durchschauen. Könnte ihn für sich gewinnen. Könnte ihn ändern . . .
Aber dann gab es diese anderen Momente. Diese Momente wie jetzt. In denen er sein ausschweifendes Piratenleben genoss, sich mit anderen Frauen vergnügte, sie kaum noch beachtete. In solchen Momenten wusste sie, dass er ihr nie allein gehören würde! Ihr Herz krampfte sich zusammen. War ihre Liebe stark genug dafür? Für immer?
Emily starrte in den Sonnenuntergang. Sie bemerkte nicht die Gestalt, die soeben das Deck der Pearl betrat, hörte nicht die Schritte, die sich ihr näherten. Ein Schatten fiel auf sie . . . Emily drehte dich um . . . diese dunklen Augen brachten sie noch um den Verstand . . .
"Ich dachte, du willst den Landgang genießen", machte Emily ihrer Verwunderung Luft. "Ach weißt du, auf Dauer ist das langweilig, außerdem war der Rum alle und ehe ich da in die Prügelei hinein gerade . . . !" Seine Lippen scherzten aber seine Augen schauten ungewöhnlich ernst. "Diese Augen machen mich wahnsinnig", dachte Emily, war aber unfähig zu sprechen. "Ich dachte, vielleicht kommt ja irgendwann mal der Zeitpunkt, wo ich diesen Teil meines Lebens an den Nagel hänge und vielleicht ist dieser Zeitpunkt ja genau JETZT!" Seine Lippen umspielte ein geheimnissvolles Lächeln. Er nahm ihre Hand. Emilys Herz schlug schneller. "Vielleicht habe ich ja erst jetzt begriffen, warum ich das tun sollte." "Was?", Emily starrte ihn ungläubig an. "Nun, Miss James, ich wollte Euch fragen, ob Ihr mit mir an Land gehen wollt nach Tortuga und später als Mrs. Sparrow weiter mit mir und der Pearl segeln wollt!" Emily traute ihren Ohren nicht! Was hatte er da gesagt? Sollte das eben ein Heiratsantrag gewesen sein? Oder war das nur wieder einer von Jacks Scherzen? Sicher, so musste es sein, alles andere war absurd. Noch immer wortlos stand sie vor ihm. "Ich denke mal, das heißt: vielleicht?" Jack sah sie fragend an. Seine umwerfend brauen Augen hingen in banger Erwartung an ihren Lippen. "Weißt du, es ist nämlich so . . . Ich . . . ", er rang sichtlich um Worte, "ich glaube, ich bin . . . ich . . . liebe . . . dich!"
Emily schwankte. Seine Hände griffen nach ihr. Dabei sah er ihr tief in die Augen. Sie hatte ihn noch nie so erlebt. Noch nie schien ihm etwas so ernst gewesen zu sein. Fragend schaute er sie an. Beinahe ängstlich. Kein Wort brachte sie über die Lippen. Nur nicken konnte sie. Ein ganz klein wenig. Eigentlich konnte man es kaum sehen . . . aber er verstand sie. Sanft zog er sie in seine Arme. Und dann küsste er sie. Seine Lippen brannten auf ihren wie Feuer.
Emily wußte nichts mehr von dem was um sie herum geschah, sie sah nicht den roten Schein der Sonne, die nun ganz am Horizont verschwand; nicht die Ausläufer Tortugas, die in die Dunkelheit glitten; hörte nicht den Lärm der Hafenlokale. Ihr heißes Gesicht lag an seiner Brust, sie hörte sein Herz schlagen. Es drang ihr bis auf den Grund ihrer Seele. Er löste das Haarband ihres Zopfes, so dass ihre Locken weich auf den Rücken fielen.
"Wann ist es dir klar geworden?" Emily sah ihn an, immer noch ungläubig, als wäre dies ein Traum, aus dem sie jeder Zeit erwachen konnte. Er lächelte. "Der Kompass", antwortete er. "Als ich ihn nicht mehr benutzen konnte wußte ich es. Er hat immer auf dich gezeigt." Jetzt lächelte Emily. "Ich habe dich schon immer geliebt", sagte sie sanft. "Vom ersten Tag an. Aber ich konnte doch nicht von dir verlangen deine Freiheit aufzugeben." "Weißt du, Liebes" erwiderte er, "ich gebe meine Freiheit nicht auf. Das war keine Freiheit. Freiheit ist die Pearl. Mein Herz wird immer ihr gehören. Aber diese Freiheit brauche ich nicht aufzugeben. Doch zu zweit segelt es sich besser!" Er schmunzelte. Das war wieder der alte Jack in dessen einzigartigen Charme sie sich einst verliebt hatte. "Der Kompass", flüsterte Emily. "Er hat von Anfang an auf dich gezeigt!"
"Nun, Miss James." Er bot ihr lächelnd seinen Arm. "Darf ich bitten?" Emily lächelte und schob ihren Arm in den seinen. "Sehr gern, mein Herr." Arm in Arm verließ das ungleiche Paar die Black Pearl und verschwand in der Dämmerung.
Sie standen Hand in Hand an Deck der Pearl und schauten zu den Sternen hinauf. Von den Häusern drang Lärm bis in den Hafen, da würde noch lange gefeiert werden. Aber hier waren sie ganz allein, Black Eye war von seinem Wachposten erlöst worden und hatte sich freudestrahlend in die Stadt aufgemacht.
"Nun, Mrs. Sparrow", bereit für weitere Abenteuer auf See?" "Jederzeit, Mr. Sparrow!" "Bereit, der Gefahr ins Auge zu blicken, dem Sturm zu trotzen und diese Piratenmeute zu ertragen?" Emily lächelte. "Oh, ich glaube, dass muss ich mir doch noch mal überlegen." Sie schauten sich an. "Ich liebe dich" , sagte er warm und zog sie an sich. Wieder küsste er sie. Endlos. Seine Lippen tasteten sich ihr Kinn entlang, ihren Hals . . . ihren Arm hinunter bis zu den Fingerspitzen. Emily kicherte. Beide schauten in den Sternenhimmel. Genau über ihnen wehte die schwarze Flagge, der Totenkopf mit den gekreuzten Säbeln; auch wenn die Pearl ganz friedlich im Hafen lag und sich nicht im Kampf befand. Das war Jacks Hochzeitsgeschenk für Emily. "A pirate's life for me!" flüstere sie. Jack lächelte. Er hob seine Hand und strich ihr über die Wange. Seine Finger brannten auf ihrer Haut.
Die Sterne über ihnen glänzten. Sie schmiegte sich an ihn. "Ich bin so glücklich", flüsterte sie. Seine Augen funkelten eigentümlich. Sie wusste, dass sie ihn immer lieben würde, in jeder Gefahr ihm beistehen würde. Er war ihr Leben. Niemand kannte ihn so wie sie. Für sie war er nicht nur der witzig-charmante Chaot, sie kannte ihn auch besorgt, ängstlich und traurig . . . Aber sie wußte auch, dass sie ihn nie ganz kennen würde, dass Captain Jack Sparrow auch für sie immer ein Stück Mythos bleiben würde. Aber genau das machte ihn so besonders.
Ihr Vater hätte ihr sicher einen anderen Ehemann gewünscht. Einen adeligen Gentleman mit Vermögen und guter gesellschaftlicher Stellung. Aber jetzt wußte sie, das es Jack war, den sie immer gewollt hatte, nach dem sie sich immer gesehnt hatte. Auch, als sie ihn noch gar nicht kannte. Er gehörte zu ihr und sie zu ihm.
"Mrs. Sparrow, darf ich Euch hinuntergeleiten?" "Sehr gern, Mr. Sparrow!" Er hob sie hoch und trug sie zur Treppe. "So macht man das doch, oder", scherzte er. "Der Ehemann trägt seine Braut über die Schwelle. Denk' nicht, dass du bei mir was vermissen musst. Klar soweit?" Emily lächelte. Sie hätte jetzt tausend Dinge aufzählen können, die sie im Vergleich mit ihrem früheren Leben aufgegeben hatte. Aber sie schwieg. Sie hatte Luft in ihren Lungen und Jack an ihrer Seite. Was brauchte sie mehr? In einigen Stunden würde die Crew zurückkommen und die Pearl würde ablegen, in unbekannte Abenteuer. Aber dieser Augenblick gehörte ihr und Jack. Bevor er sie die Treppe hinuntertrug schaute er ihr in die Augen . . . und sie wußte, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war! Mit einem leisen Knarren schloss sich die Tür hinter ihnen . . .